Neurodermitis und Ernährung aus Sicht der TCM (Teil 2): Warum dasselbe Essen der einen Haut hilft und die andere reizt
- KMD Yun

- 15. Juni
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Juni

Zwei Menschen, dieselbe Diagnose, dasselbe Abendessen — und zwei völlig verschiedene Hautreaktionen.
Im ersten Teil dieser Serie haben wir gesehen: Es gibt nicht die eine richtige Neurodermitis-Diät. Was die Haut belastet oder beruhigt, hängt nicht allein vom Lebensmittel ab, sondern davon, wie der Körper darauf reagiert. Damit ist eine immer längere Verbotsliste das falsche Werkzeug.
>> Teil 1 der Serie: Neurodermitis und Ernährung – warum nicht jedes „gesunde" Essen Ihrer Haut hilft
Viele Betroffene haben genau diesen Weg hinter sich. „Ich habe Milch, Weizen, Ei, Nüsse und Zitrusfrüchte gestrichen — und am Ende stand ich vor einem fast leeren Teller, ohne dass die Haut wirklich ruhiger wurde." Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, lohnt sich ein Perspektivwechsel. Die entscheidende Frage lautet nämlich nicht „Welches Lebensmittel ist schuld?", sondern:
Welches Muster steht bei Ihnen im Vordergrund?
„Wenn jemand zu mir kommt und sagt: 'Ich habe schon zwanzig Dinge weggelassen', dann ist meine erste Reaktion nicht, ein einundzwanzigstes zu finden. Sondern zu verstehen, welche Konstitution dahintersteht. Erst das macht aus Verzicht eine sinnvolle Richtung." — KMD Kukhyun Yun
Was die Forschung über pauschale Verbote sagt
Bevor wir zu den Mustern kommen, ein ehrlicher Blick auf die Studienlage — denn sie stützt genau diesen Perspektivwechsel.
Studie 1 — Pauschale Eliminationsdiäten: viel Aufwand, wenig Nutzen, echtes Risiko (Meta-Analyse, J Allergy Clin Immunol Pract, 2022)
Ein internationales Forschungsteam wertete für die Leitlinien-Arbeit der amerikanischen Allergie-Fachgesellschaften 10 randomisierte kontrollierte Studien mit 599 Teilnehmenden aus. Das Ergebnis: Eine pauschale Eliminationsdiät verbesserte die Neurodermitis nur minimal (etwa 50 Prozent Besserung mit Diät gegenüber 41 Prozent ohne) — und die Sicherheit dieses geringen Nutzens ist gering. Schwerer wiegt der Hinweis auf einen möglichen Schaden: Das konsequente Meiden von Lebensmitteln kann das Risiko erhöhen, überhaupt erst eine echte, IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergie zu entwickeln. Die Fachgesellschaften raten deshalb ausdrücklich von wahllosen Eliminationsdiäten ab — besonders bei Kindern, bei denen zusätzlich Mangelernährung droht.
Mit anderen Worten: Immer mehr wegzulassen ist nicht nur wenig wirksam, es kann nach hinten losgehen. Das ist die wissenschaftliche Begründung dafür, warum „weniger Liste, mehr Verständnis" der bessere Weg ist.
Studie 2 — Der individuelle Ansatz hat Evidenz: chinesische Kräutermedizin (Frontiers in Pharmacology, 2022)
Wenn pauschales Streichen kaum hilft — was dann? Hier wird der individualisierte Ansatz interessant. Eine Auswertung von 8 hochwertigen, placebokontrollierten randomisierten Studien mit 662 Patientinnen und Patienten untersuchte die nach Muster zusammengestellte chinesische Kräutermedizin bei Neurodermitis. Das Ansprechen auf dem strengen EASI-90-Maßstab (eine Verbesserung des Hautbefunds um mindestens 90 Prozent) war unter der Kräutermedizin rund 3,7-mal häufiger als unter Placebo (RR 3,72) — ohne dass schwere Nebenwirkungen auftraten. Eine aktualisierte Übersichtsarbeit von 2023 (17 Studien, 1.624 Patienten) weist in dieselbe Richtung.

Die sieben Konstitutionsmuster bei Neurodermitis
Aus Sicht der Traditionellen Chinesischen und Koreanischen Medizin ordnen sich die Beschwerden meist einer oder mehreren typischen Konstitutionen zu — inneren Reaktionsmustern, die beschreiben, wie der Körper auf Reize antwortet. Aus schulmedizinischer Sicht lässt sich vieles davon als individuelle Ausprägung der atopischen Entzündung lesen: als Zusammenspiel aus gestörter Hautbarriere (u. a. Filaggrin-Mangel, erhöhter transepidermaler Wasserverlust), Typ-2-Immunaktivierung (Th2-Zytokine wie IL-4, IL-13, IL-31) und individuellen Triggern.
Welches Muster im Vordergrund steht, bestimmt, ob ein Lebensmittel im Moment eher guttut oder eher reizt. Sieben Muster begegnen uns besonders häufig. Vielleicht erkennen Sie sich in einem davon wieder — oder, was häufiger ist, in einer Mischung.

1. Hitze (innere Hitze) — entzündlich-akut
Die Haut ist auffällig gerötet (Erythem), warm und brennend; beim Kratzen wird sie schnell tiefrot, der Juckreiz ist abends und nach dem Zubettgehen oft stärker. Schulmedizinisch entspricht dies häufig einem akut-entzündlichen, „erythematösen" Schub mit hoher Entzündungsaktivität und ausgeprägtem Pruritus. Verstärkt wird das häufig durch Scharfes, Frittiertes, viel Fleisch, Alkohol und Stress — alles Faktoren, die die Durchblutung und das Hitzeempfinden steigern. Sinnvoll ist hier eher eine kühlende, milde, einfach zubereitete Küche, bei der Scharfes und Alkohol zurückhaltend eingesetzt werden.
2. Feuchte Hitze (Feuchtigkeit und Hitze) — exsudativ-entzündlich
Im Vordergrund stehen nässende, dicke oder klebrige Ekzeme (exsudative, teils impetiginisierte Läsionen) und ein Gefühl von Schwere, oft zusammen mit Völlegefühl oder träger Verdauung. Schulmedizinisch zeigt sich dieses Muster typischerweise als nässendes Ekzem mit Krustenbildung und erhöhter Anfälligkeit für sekundäre bakterielle Besiedlung (z. B. Staphylococcus aureus). Verstärkt durch sehr Süßes, Milchlastiges, Weißmehl und Frittiertes — also Speisen mit hoher glykämischer Last und hohem Fettanteil. Hier kann es sinnvoll sein, stark zuckerhaltige und fettig-milchige Speisen kritisch zu betrachten und leichter sowie warm gekocht zu essen.
3. Trockenheit (Blut- und Yin-Mangel) — chronisch-lichenifiziert
Die Haut ist sehr trocken (Xerose), schuppend, rissig und oft verdickt mit vergröberter Felderung (Lichenifikation); der Verlauf ist chronisch, der Juckreiz nachts spürbar, manchmal kommen Erschöpfung und Schlafmangel hinzu. Dies entspricht schulmedizinisch dem chronisch-stationären Stadium der atopischen Dermatitis mit ausgeprägter Barrierestörung und gesteigertem transepidermalem Wasserverlust. Verstärkt durch stark trocknende, sehr scharfe Kost und einseitige, „strenge" Diäten, die dem Körper nährende Substanz entziehen. Hier geht es nicht um Verbote, sondern um eine nährende, befeuchtende Ernährung mit ausreichend hochwertigen Fetten, die den Körper nicht weiter austrocknet.
4. Schwäche der Mitte (Verdauungsschwäche) — atopisch-konstitutionell
Das Hautbild ist wechselhaft und oft mit einer empfindlichen Verdauung verbunden (Blähungen, weiche Stühle, Nahrungsmittelunverträglichkeiten); bei Kindern ist dieses Muster besonders häufig. Nach kalter Rohkost wird es eher schlechter. Schulmedizinisch lässt sich hier ein enger Bezug zur funktionellen Verdauungsregulation und zur frühkindlichen atopischen Veranlagung erkennen — Faktoren, die die Reizschwelle der Haut mitbestimmen. Verstärkt durch viel Rohkost, kalte Getränke, Smoothies und unregelmäßiges Essen. Gut tun warme, gekochte, einfache und verträgliche Mahlzeiten in festem Rhythmus.
5. Anspannung (Stagnation mit Hitze) — stress- und neuroimmun-getriggert
Die Haut flammt nach Stress, Schlafmangel oder vor der Menstruation plötzlich auf, oft begleitet von innerer Unruhe und Schlafproblemen. Schulmedizinisch ist dieser Zusammenhang gut belegt: Über die Stressachse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) und neuroimmune Botenstoffe kann psychische Belastung Entzündung und Juckreiz messbar verstärken — der bekannte Juck-Kratz-Teufelskreis. Verstärkt durch viel Kaffee, Alkohol und späte, unregelmäßige Mahlzeiten. Hilfreich sind ruhige, regelmäßige Mahlzeiten — hier ist nicht ein einzelnes Lebensmittel der Auslöser, sondern das Zusammenspiel aus Stress, Schlaf und Essrhythmus.
6. Wind (Wind-Hitze / Wind-Trockenheit) — pruritus- und allergiebetont
Im Vordergrund steht ein wandernder, plötzlich einschießender Juckreiz, der den Ort wechselt, sich bei Wärme oder Wetterwechsel verändert und mit fliegenden Rötungen oder quaddelartigen Reaktionen einhergehen kann. Schulmedizinisch erinnert dieses Muster an eine ausgeprägte Histamin- und Pruritus-Komponente, häufig bei Patientinnen und Patienten mit zusätzlicher allergischer Disposition (allergische Rhinitis, Urtikaria-Neigung, Reaktion auf Umweltallergene). Verstärkt durch sogenannte „anregende" Speisen — etwa Schalentiere, fermentierte und histaminreiche Lebensmittel, Alkohol — sofern individuell eine Empfindlichkeit besteht. Sinnvoll ist hier ein aufmerksames Beobachten möglicher Auslöser, ohne in pauschale Verbote zu verfallen.
7. Schwäche der Abwehr (Lungen- und Wei-Qi-Schwäche) — barriere- und infektanfällig
Die Haut ist blass, empfindlich, leicht reizbar und neigt zu wiederkehrenden Infekten; kleine Auslöser genügen für einen neuen Schub, und der Verlauf zieht sich oft über Jahre. In der TCM ist hier die schützende Funktion des „Wei-Qi" geschwächt. Schulmedizinisch entspricht dies einer schwachen, durchlässigen Hautbarriere mit erhöhter Anfälligkeit für Reize, Allergene und Infektionen — also genau der barrieredominierten Form der atopischen Dermatitis. Hier geht es weniger ums Weglassen als ums Stärken: eine nährstoffreiche, gut verträgliche und stabilisierende Ernährung, die die Widerstandskraft unterstützt.
*Ein Wort zur „Mitte": Wenn die TCM von der Mitte oder von der Funktion der „Milz" spricht, ist damit nicht das anatomische Organ gemeint, sondern ein Funktionskreis — grob die Fähigkeit des Körpers, Nahrung in nutzbare Substanz und Energie umzuwandeln. Ebenso beschreibt das „Wei-Qi" keine einzelne Struktur, sondern die äußere Abwehr- und Schutzfunktion des Körpers. Diese Unterscheidung ist wichtig, damit kein Missverständnis entsteht.
Wichtig: Diese sieben Muster sind nur ein Diagnoseraster von mehreren. Sie geben einen anschaulichen Überblick, sind in der Praxis aber bewusst vereinfacht. In der Naturheilpraxis Doson ist diese Einteilung lediglich eines von mehreren diagnostischen Werkzeugen. Über die Zungendiagnostik und die Pulsdiagnose nach KMD Yun erfassen wir zahlreiche weitere Konstitutionsmerkmale — etwa Zustand und Belag der Zunge, Qualität, Tiefe und Rhythmus des Pulses — und verbinden sie mit Hautbild, Juckreizverlauf, Schlaf, Verdauung und Vorgeschichte. Daraus entsteht eine deutlich differenziertere, individuelle Konstitutionsbestimmung, als sie ein einzelnes Sieben-Muster-Schema abbilden kann. Die Muster oben sind also ein Einstieg in das Verständnis — die eigentliche Zuordnung erfolgt immer individuell.

Warum die Konstitution den Ausschlag gibt
Jetzt wird sichtbar, warum jede pauschale Liste scheitern muss. Rohkost und kalte Smoothies können dem Hitze-Typ guttun — und denselben Menschen mit schwacher Mitte zusätzlich schwächen. Wärmende, kräftige Speisen können bei Trockenheit nähren — und bei innerer Hitze gewissermaßen Öl ins Feuer gießen.
Gesund für den einen. Auslöser für den anderen. Dasselbe Lebensmittel.
Deshalb beginnt eine sinnvolle Einschätzung bei uns nicht mit einer Diättabelle, sondern mit einer sorgfältigen Konstitutionsanalyse — über Zungendiagnose, Pulsdiagnose nach KMD Yun und ein ausführliches Gespräch über Hautbild, Juckreiz, Schlaf, Verdauung und Belastung. Erst dann lässt sich sagen, welche Richtung für Ihren Körper sinnvoll ist.
„Ernährung bei Neurodermitis ist in unseren Augen keine Verbotsliste. Sie ist Teil der Diagnostik. Wenn ich weiß, ob bei Ihnen Hitze, Feuchtigkeit, Trockenheit oder eine schwache Mitte im Vordergrund steht, wird aus 'Was darf ich nicht essen?' die viel hilfreichere Frage 'Was tut meinem Körper jetzt gut?'." — KMD Kukhyun Yun
Für wen diese Sichtweise das Richtige ist
Sie sind hier richtig, wenn Sie eine oder mehrere dieser Erfahrungen kennen:
Sie haben bereits viele Lebensmittel gestrichen, ohne dauerhaften Erfolg.
Sie spüren, dass Ihre Haut auf Essen reagiert — aber nicht immer auf dieselben Dinge.
„Gesunde" Empfehlungen wie Rohkost oder Smoothies vertragen Sie schlechter als gedacht.
Sie möchten verstehen, welches Muster bei Ihnen vorliegt, statt blind zu meiden.
Sie wünschen sich eine Ernährung, die zu Ihrer Konstitution passt — als Teil einer ganzheitlichen Behandlung.
Häufig gestellte Fragen
Kann ich meinen Konstitutionstyp selbst bestimmen?
Die Muster oben sind eine Orientierung, keine Anleitung zur Selbstdiagnose. In der Praxis überlagern sie sich fast immer, und ihre Gewichtung verändert sich im Verlauf. Eine verlässliche Einordnung erfolgt über Puls- und Zungendiagnostik im persönlichen Gespräch.
Bedeutet das, ich darf wieder alles essen?
Nein, auch das wäre zu einfach. Es bedeutet, dass das Weglassen gezielt und begründet erfolgen sollte, statt wahllos. Manche Richtungen — etwa weniger Scharfes bei Hitze oder weniger Rohes bei schwacher Verdauung — ergeben sich erst aus Ihrer Konstitution.
Hilft die richtige Ernährung allein gegen Neurodermitis?
Meist nicht allein. Ernährung ist ein Baustein. Sie entfaltet ihre Wirkung am besten als Teil eines Gesamtkonzepts aus Akupunktur, chinesischer Kräutermedizin und Lebensstil — abgestimmt auf Ihr Muster.
Ist eine Eliminationsdiät immer falsch?
Nein. Bei einem begründeten, fachlich festgestellten Verdacht auf eine echte Nahrungsmittelallergie kann gezieltes Meiden sinnvoll und notwendig sein. Problematisch ist das pauschale, wahllose Streichen vieler Lebensmittel „auf Verdacht" — gerade bei Kindern.
Gibt es überhaupt Belege für den TCM-Ansatz?
Die Evidenz ist positiv, aber nicht abschließend. Für die individuell zusammengestellte chinesische Kräutermedizin zeigen mehrere placebokontrollierte Studien deutliche Verbesserungen ohne schwere Nebenwirkungen. Wir kommunizieren die Studienlage offen — und versprechen keine Wunder.
Wie es weitergeht
In den nächsten Teilen dieser Serie betrachten wir den Zusammenhang von Darm und Haut, zeigen, wie sich eine warme, konstitutionsgerechte Küche praktisch im Alltag umsetzen lässt, und widmen uns der Ernährung bei Kindern mit Neurodermitis — ohne unnötige Verbote.
Wenn Sie wissen möchten, welches Muster bei Ihnen im Vordergrund steht: In einem persönlichen Erstgespräch ordnen wir Hautbild, Juckreiz, Schlaf, Verdauung und Konstitution gemeinsam ein — als Grundlage einer Behandlung mit Akupunktur und chinesischer Kräutermedizin.
Naturheilpraxis Doson — KMD Kukhyun Yun Holzweg-Passage 2A · 61440 Oberursel (20 Min. von Frankfurt, gut erreichbar aus Bad Homburg, Kronberg, Königstein, dem Hochtaunuskreis und dem gesamten Rhein-Main-Gebiet)Telefon: 06171 9784412 · E-Mail: info@praxis-doson.de · Termin anfragen: Kontaktformular
Weiterführende Informationen:
LITERATUR
Oykhman P, Dookie J, Al-Rammahy H, et al. Dietary Elimination for the Treatment of Atopic Dermatitis: A Systematic Review and Meta-Analysis. The Journal of Allergy and Clinical Immunology: In Practice. 2022;10(10):2657–2666.e8. DOI: 10.1016/j.jaip.2022.06.044
Cai X, Sun X, Liu L, et al. Efficacy and safety of Chinese herbal medicine for atopic dermatitis: Evidence from eight high-quality randomized placebo-controlled trials. Frontiers in Pharmacology. 2022;13:927304. DOI: 10.3389/fphar.2022.927304
(ergänzend) Jia J, Gu SX, Mo X, Liu J, Chen D. An updated systematic review and meta-analysis of efficacy and safety of Chinese herbal medicine for treating atopic dermatitis. Journal of Dermatological Treatment. 2023;34(1):2268766. DOI: 10.1080/09546634.2023.2268766
.png)




Kommentare